Alex Grein

Vergänglichkeit, fotografisch „belichtet“

Text: Elke Backes, Rundgang-Fotos: Natascha Romboy

Handy-Halterungen, Eisblöcke, Seziertische, gefrorene Materie im Tiefkühlschrank, zähflüssige Materie in Kanistern, Fotografien in verformten Rahmungen, und Schmetterlinge auf Videoscreens. Schon ungesehen macht mich allein die Auflistung der Protagonisten dieser Ausstellung mehr als neugierig.

Was könnte diese formal so unterschiedlichen Arbeiten verbinden? Der Ausstellungstitel „d a  u   e    r“ vermittelt eine erste Idee. Zeit spielt offensichtlich eine entscheidende Rolle. Alex Grein ist Meisterschülerin von Andreas Gursky, sodass darüber hinaus von einer Auseinandersetzung im Medium der Fotografie auszugehen ist. Zeit im Kontext der Fotografie zu betrachten scheint demnach der Schlüssel auf der Suche nach Antworten zu sein.

Ich bin gespannt und freue mich auf das Gespräch mit der Künstlerin beim gemeinsamen Rundgang in der Galerie Gisela Clement in Bonn.

Die Ausstellung beginnt schon beim Treppenaufgang in die Räume zur oberen Galerie-Ebene. Die Fotografie des Displays einer Zeittafel schlängelt sich um den Stufenverlauf und scheint sich gemächlich nach unten zu bewegen. Im Schneckentempo vorankriechende Zeit wird zum Bild.

d a u e r  – Alex Grein, 2021 (Ausstellungsansicht Galerie Gisela Clement, Foto: Mareike Tocha)

Deplatziert hingegen erscheint der Inhalt der beiden Ausstellungskuben auf der ersten Treppenempore. Links ist ein Tiefkühlschrank, rechts sind Kanister positioniert. Hat hier kürzlich ein Event stattgefunden und es wurde noch nicht vollständig aufgeräumt?

„Das gehört schon zur Installation, die sich oben fortsetzt. Ich erzähle gleich etwas dazu“, so die Reaktion von Alex Grein auf meinen erstaunten Blick.

d a u e r  – Alex Grein, 2021 (Ausstellungsansichten Galerie Gisela Clement, Foto: Mareike Tocha)

Auf dem Weg dorthin passieren wir zwei weitere Fotografien in verformten Rahmungen. Während die erste mit dem Bild einer verbogenen Kerze den Anschein erweckt von der Wand auf den Boden gerutscht zu sein, wirkt die zweite, sich erneut um Stufen windende Fotografie von Wassertropfen im Wolkenhimmel, wie der auf den Boden projizierte Ausblick aus dem Oberlicht.

d a u e r  – Alex Grein, 2021 (Ausstellungsansichten Galerie Gisela Clement, Foto: Mareike Tocha)

Zeittafel, Kerze und Himmel, drei Motive für Zeit, räumlich ausgedehnt über die Verformung ihrer Rahmung, und im Still der Fotografie eingefangen, lassen schon an dieser Stelle des Rundgangs den Ausstellungstitel „d a  u   e    r“ bildhaft und spürbar werden. Um ein Vielfaches gesteigert findet sich dieses Bewusstsein dann aber im ersten Ausstellungsraum.

d a u e r  – Alex Grein, 2021 (Ausstellungsansicht Galerie Gisela Clement, Foto: Mareike Tocha)

Seziertisch-ähnliche Edelstahlwannen mit Smartphone-Halterungen in grell-harter Lichtsituation suggerieren eine antiseptische, laborartige Szenerie. Bewaffnet mit einem Eisblock im Handy-Format betritt Alex Grein den Raum und montiert den Block an einer der Halterungen. Mit dem Auftauen wird ein unheimlicher Prozess in Gang gesetzt. Ein Bild wird sichtbar und löst sich gleichzeitig sukzessive auf. Ein Gemisch aus Tinte und sich zersetzendem Papier tropft in die Wanne und wird dort zu einer zähen Masse. In der räumlichen Situation löst der Anblick dieses Zersetzungsprozesses Gänsehaut bei mir aus. Obgleich es sich nur um ein Bild handelt, wird die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers spürbar.

Schnell sachlich werden, so befielt mir meine innere Stimme. Mit der Frage nach der Bedeutung der Bildmotive innerhalb der Installation, hole ich mich zurück.

Zersetzungsprozess des gefrorenen Bilderblocks

Alex Grein: Es handelt sich um Fotografien aus meinem persönlichen Handy-Archiv. Die Bedeutung der Bildmotive ist darin zu finden, dass es sich um Fotografien handelt, die auf das Bilder-Machen als solches referieren. Beispielsweise ist dieses Bild ein Foto meines abfotografierten Displays [s. Abb. oben], das meinen Blick aus dem Fenster zeigt, den ich zuvor mit meinem Handy aufgenommen habe.

E.B.: Ist es nicht ein seltsames Gefühl, diese doch offensichtlich sorgsam durchdachten Bilder dem Zersetzungsprozess auszusetzen?

Alex Grein: Es war eine bewusste künstlerische Entscheidung das Intime abzugeben und hinter das Werk zurückzutreten.

E.B.: Welche Intentionen verbergen sich dahinter?

Alex Grein: Die Arbeit heißt „Speicher“. Und die Idee dieser Installation war es, das Fotografische, das mit diesem Begriff in Verbindung steht, zu visualisieren. Der Tiefkühlschrank symbolisiert für mich dabei den externen Serverraum, der unser persönliches digitales Bildmaterial speichert, das in der Flut der Masse nicht mehr greifbar ist und schnell in Vergessenheit gerät. Mit dem Hervorholen aus dem Speicher, dem sichtbaren Zersetzungsprozess und der anschließenden Archivierung in den Kanistern, gebe ich den digitalen Bildern eine Materialität und damit eine Bedeutung, die im Flüchtigen der digitalen Fotografie oft verlorengeht.

 

Alles in allem also ein Labor gegen das Vergessen? Über den sichtbaren Wandel von Aggregatzuständen findet sich in dieser Installation tatsächlich Vergänglichkeit vergegenwärtigt – das klassische Motiv des Memento mori. Genau das Gegenteil passiert auf den ersten Blick im nächsten Ausstellungsraum.

Ein extremerer Unterschied zum Vorherigen ist kaum vorstellbar. Das betrifft sowohl die räumliche Situation als auch das Sujet. Warmes, abgedunkeltes Licht und gemütliche Sitzkissen in der Mitte von vier Videoscreens lösen Wohlfühlatmosphäre aus. Wir fläzen uns in die Kissen und betrachten die Bilder auf den Screens. Während im Vordergrund jeweils ein überproportioniert großer Schmetterling statisch in seiner Position verharrt, sind im Hintergrund unterschiedliche Fluggeschehen erkennbar. Schmetterlinge? Mir wird plötzlich bewusst, dass hier das Sinnbild für Unsterblichkeit, Auferstehung und Wiedergeburt und damit das Gegenteil von Vergänglichkeit den Mittelpunkt des Geschehens bildet.

Es sind archivierte Präparate von Schmetterlingen, von denen viele Arten vom Aussterben bedroht sind, die ich auf dem Display meines iPads platziert und dann abgefilmt habe“, beginnt Alex Grein mit ihren Erläuterungen und torpediert so meine angedachte Symbolik.

„Im Hintergrund läuft das Programm Google Earth. Ich starte auf dem virtuellen Globus, zoome mich heran und fliege dann zum Ursprungsland des Schmetterlings – fliege ihn sozusagen nach Hause. Auf dem Weg dorthin scrolle ich über den Bildschirm und erkunde die Satellitenaufnahmen, die sehr eigenwillige Flächen erkennen lassen. Flächen, die bedingt durch menschliche Eingriffe, ein Land oft nicht mehr über seine Flora, sondern über seine Industrieanlagen kartographisch kennzeichnet. Oft passen auch die Bilder innerhalb der Flächen nicht zusammen, was sich letztlich über die unterschiedliche Datierung der Satellitenaufnahmen erklären lässt. Aktuelle und gespeicherte Aufnahmen werden innerhalb des Programms in einer Zeitlichkeit zusammengefasst.“

d a u e r  – Alex Grein, 2021 (Ausstellungsansichten Galerie Gisela Clement, Fotos: Mareike Tocha)

E.B.: Demnach findet sich in dieser Installation das große Thema des veränderten Lebens auf dem Planeten, das durch Industrialisierung und Digitalisierung – also durch den Eingriff des Menschen beeinflusst wird, und letztlich über diesen Eingriff auch den Klimawandel vorantreibt. Möchtest du politisch aufrütteln?

Alex Grein: Das steht für mich nicht im Vordergrund. Aber es sind natürlich die Themen unserer Zeit und auch Themen, die mich persönlich interessieren. Meine künstlerische Herausforderung sehe ich aber generell eher darin, zeitgenössische Themen in den Zusammenhang von Fotografie zu stellen.

In dieser Ausstellung ist es unverkennbar die Zeit, genauer gesagt die Wahrnehmung von Zeit, die im fotografischen Kontext „belichtet“ wird. Auch in dieser Videoarbeit gibt sich diese Auseinandersetzung auf unterschiedlichste Art und Weise zu erkennen: formal über die Gleichzeitigkeit von Still und Bewegtbild; inhaltlich über das stetige Aussterben von Tierarten durch die Veränderungen der Natur und letztlich die verfälschte Darstellung von Zeitlichkeit durch die gleichzeitige Darstellung gespeicherter und aktueller Daten in einem Bild.

Der Ausstellungstitel „d a  u   e    r“  überschreibt diese Wahrnehmung von Zeit als das große Ganze, das alle Arbeiten dieser Ausstellung miteinander verbindet und Vergänglichkeit in einer Zeit in Szene setzt, die von Geschwindigkeit und Flüchtigkeit geprägt ist.

 

Unbedingt anschauen! Zu sehen bis 22. August in der Galerie Gisela Clement in Bonn.

Weitere Informationen

Website der Künstlerin: https://www.alexgrein.de

Website der Galerie: https://galerie-clement.de

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