Contemporary Istanbul

Außenansichten „Tersane Istanbul“, ©Contemporary Istanbul

Contemporary Istanbul – mehr als „nur“ eine Kunstmesse …

Text: Dr. Elke Backes

Die Botschaft steckt schon im Namen. Das Wort „Art“ fehlt. Auch wenn die Kunst selbstverständlich den Mittelpunkt bildet, geht es in „Tersane Istanbul“, dem neuen Standort der Contemporary Istanbul am Goldenen Horn, um weit mehr. Zuvor präsentiert im Kongresszentrum der Stadt, ist die 16. Ausgabe nun Teil eines gigantisches Urbanisationsprojekts, das sich der Neuentwicklung des vormals vernachlässigten Areals der 1455 gegründeten und bis ins 20. Jahrhundert betriebenen Haliç-Schiffswerft verschrieben hat. Gerade rechtzeitig zur Messe konnten für insgesamt 57 Galerien und Außenskulpturen auf einer Fläche von nahezu 10.000 Quadratmetern drei Hallen, ein Skulpturenhof und eine am Ufer gelegene Freifläche fertiggestellt werden. Hotels, Arbeitsplätze für Kreative, Gastronomie, Museen, Jachthafen mit Wassertaxi-Station in Richtung Altstadt und vieles mehr werden folgen.

Animation des zukünftigen Haliç-Schiffswerft-Areals, Foto: Kadir Asna

Bereits in den ersten Minuten der Pressekonferenz wird deutlich: Den Initiatoren geht es darum, jene moderne und aufgeschlossene Seite Istanbuls zu zeigen, die in der medialen Berichterstattung der jüngsten Zeit leider weitestgehend in den Hintergrund gedrängt wurde. „Wir glauben an die Zukunft der Kunst und Kultur in dieser großartigen Stadt. Es ist eine boomende Metropole, und wir als Contemporary Istanbul sind uns unserer Verantwortung sehr bewusst“, so die Worte des Gründers und Chairmans der gleichnamigen Stiftung Ali Güreli. „Auch wenn wir die Anzahl der vertretenen Galerien in einem überschaubaren Rahmen halten möchten, ist es unser Ziel, zukünftig unter den zehn führenden, international agierenden Messen für zeitgenössische Kunst rangieren zu können“, lautet die ambitionierte Ansage.

Mit großer Spannung geht es dann endlich in die Hallen. Sowohl über die Kunst als auch über die Architektur treffen hier Tradition und Moderne inhaltlich und ästhetisch aufeinander. Die Hallen lassen den Geist vergangener Tage erspüren, sind großzügig in der Fläche, schaffen den einzelnen Ständen viel Raum und – sind offen! Frische Luft statt Klimaanlage schafft ein gutes und sicheres Gefühl. Alles Gastronomische ist in den Außenraum verlagert.

Installationsansichten ©Contemporary Instanbul

Und die Kunst?

Sie ist vielfältig wie die Stadt selbst und orientiert sich sichtbar am sich wandelnden Kunstmarkt. Marcus Graf, Professor für Kunsttheorie in Istanbul und Programmleiter der Contemporary Istanbul, erzählt über das zunächst zögerliche, dann aber rasant anwachsende Interesse an zeitgenössischer Kunst, das sich in der ersten Dekade der 2000er Jahre entwickelt und zur Gründung zahlreicher junger Galerien geführt habe. „Seitdem konnten für Künstler die notwendigen Bedingungen geschaffen werden, im eigenen Land gefördert und präsentiert zu werden.“ Dass es in den letzten Jahren schwieriger wurde, Stichwort „Zensur“, wird nicht dementiert. Doch findet Avantgarde weiterhin – allerdings vielfach im Verborgenen – statt oder aber werden kritische Botschaften in einer Art Selbstzensur kreativ verschlüsselt, wie mir sowohl Galeristen als auch Künstler berichten.

Lassen sich diese Botschaften als Nicht-Experte finden? Mit welcher Kunst präsentieren sich die 17 internationalen Galerien, beispielsweise Marlborough Gallery/New York, JD Malat Gallery/London, Mariana Custodio/Lissabon, König Galerie/Berlin, Claudia Schmidt/Zürich oder Galeria Joan Gaspar/Barcelona? Mit welcher die 40 nationalen Top-Galerien, die ausnahmslos in Istanbul niedergelassen sind? Wie immer lasse ich mich zunächst einmal von meiner eigenen Neugierde treiben, bevor ich dann mit einzelnen Vertretern der Messe das Gespräch suche.

Bei den nationalen Galerien ist es interessant zu sehen und zu hören, dass und wie sich die unterschiedlichen Facetten Istanbuls in der Kunst zum Ausdruck gebracht finden. Reflexionen der eigenen Kultur-Geschichte, der einhergehenden Anwendung von Ornamentik, Farbigkeit oder traditionell handwerklichen Materialien finden sich ebenso präsentiert wie künstlerische Positionen zum Thema Identitätssuche oder auch futuristische digitale Arbeiten, entstanden unter Anwendung von Programmen der Künstlichen Intelligenz.

v.l.o.n.r.u.: 1. Schriftkultur im Wandel der Medien-Zeitalter visualisieren Berkay Tuncays Keramikplatten in Form von iPhones und iPads, die Tweets von Kanye West in sumerischer Keilschrift abbilden (Galerie Sanatorium). 2. Mittels in Beton gegossenen Teppichen nimmt Ramazan Can Bezug auf die nomadische Herkunft seiner Familie und ihre aufgrund von Umsiedlungspolitik genommene Freiheit (Galerie Anna Laudel). 3. Kerem Ozan Bayraktar stellt die Verwandtschaft biologischer Phänomene wie Evolution, Zwillingsbildung und Körpersymmetrie mit generativen digitalen Bildern fest. In der Arbeit verwandeln sich ähnliche Organe, Körper, Tiere, Pflanzen, Websites, architektonische Bilder, Kleidungsstücke und undefinierte organische Formen ständig ineinander und erzeugen hybride Formen (Galerie Sanatorium). 4. Mesut Öztürk erforscht volkstümliche Architekturen, informelle städtische Planungen oder prähistorische Töpferwaren auf der Suche nach typischen Merkmalen oder Phänomenen, die er in eine zeitgenössische Formensprache überträgt. 5. Semiha Berksoy, 1910 in Istanbul geboren, war eine der führenden Opernsängerinnen Europas, Schauspielerin, Performance-Künstlerin, Dichterin und Malerin. Ihre Arbeiten gelten als visuelles Tagebuch ihrer wechselhaften Karriere und turbulenten Innenwelt (GalerIst).

v.l.n.r.: Joan Miró (Galeria Joan Gaspar); Installationsansicht Galerien Pilevneli Istanbul &König Berlin, hinten Katharina Grosse; Francis Bacon (Marlborough Gallery)

Die internationalen Galerien bemühen sich sichtbar darum – sei es durch ästhetische Annäherungen oder sichere Blue-Chip-Positionen, wie beispielsweise Francis Bacon/Marlborough Gallery oder Joan Miró/Galeria Joan Gaspar oder Katharina Grosse/König Galerie (s. Abb. oben) – den regionalen Geschmack zu bedienen. Aus zwei Gründen verständlich: Zum einen handelt es sich um eine Verkaufsmesse und nicht um eine Ausstellung, deren Teilnahme wie jede andere Kunstmesse mit erheblichem logistischen wie finanziellen Aufwand verbunden ist. Zum anderen waren türkische Sammler lange auf heimische Künstler fixiert und scheinen sich erst langsam für internationale Positionen zu öffnen. Das gleiche gilt übrigens auch umgekehrt, wie mir Ferhat Yeter, Direktor der Galerie Anna Laudel, eine der führenden Galerien Istanbuls und seit 2019 mit neuem Standort in Düsseldorf vertreten, erzählt. „Es braucht derzeit noch viel Vermittlungsarbeit, um deutsche Sammler an unser Programm heranzuführen. Wir sind froh, uns dieser Aufgabe nach der langen Zwangsschließung nun mit voller Kraft annehmen zu können. Der Erfolg der aktuellen Ausstellung von Ardan Özmenoglu zeigt uns aber schon jetzt, dass sich aller Aufwand gelohnt hat.“

Neben Anna Laudel hat auch die Galerie Zilberman in jüngster Zeit eine Dependance in Berlin, einem weiteren Hotspot der Kunst in Deutschland, eröffnet. Wer es in diesem Jahr also noch nicht auf die Messe nach Istanbul geschafft hat, kann hier schon einmal hineinschnuppern.

Und für die nächste Ausgabe der Messe heißt es: Zeit nehmen! Zeit, um möglichst viele Facetten der Stadt und vor allem die des „Contemporary Istanbul“ entdecken zu können. Kultur pur!!!

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