Fabio Borquez

Fotografie noir? – Ein Atelierbesuch in sieben Szenen

Atelierfotos: Lucas Coersten

Prolog: Bevor es gleich in ungewohnter und ungewöhnlicher Form losgeht, eine kurze Erklärung zur Ideenfindung: Das erste Mal begegnete ich Fabio Borquez zu Beginn dieses Jahres. Anlass war seine beeindruckende Ausstellung Flores del Mal auf Schloss Benrath in Düsseldorf. Zu sehen waren dort Aktfotografien von Frauen, die in kunstvollen Inszenierungen mit Blumen geradezu symbiotische Wesen bildeten. Das opulente Ambiente des Schlosses schuf den perfekten Rahmen.

Die Posen der Frauen, die teils an antike Statuen erinnerten, ihre Blicke, ihr Make-up und die Farbräume der Bilder, die an colorierte Film-Stills aus der Zeit des Deutschen Expressionismus denken ließen, und nicht zuletzt der Titel Flores del Mal, übersetzt „Blumen des Bösen“, hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Ein Strauß Hortensien, den ich im Herbst auf meinem Esstisch arrangierte, erinnerte mich an diese Bilder und auch an Fabios Einladung, ihn einfach einmal auf einen Kaffee in seinem Wohnatelier besuchen zu kommen. Dieser Einladung folgend, überraschte er mich bei meinem Besuch mit seiner spontanen Idee, einen Atelierbesuch bei ihm als Film produzieren zu wollen.

Meiner intuitiv getroffenen Zusage folgten zweifelnde Fragen hinsichtlich der Realisierung. Üblicherweise fahre ich möglichst unvorbereitet zu Künstlern, um mir unvoreingenommen ein Bild über ihre Arbeit machen zu können. Alles entwickelt sich spontan. Mit einem Filmteam im Rücken, das jede Szene kamera- und lichttechnisch vorbereiten muss, und einem Protagonisten, der gleichzeitig Regisseur ist, ist es logischerweise vorbei mit jeder Spontaneität … Ein grobes Storyboard war entsprechend unumgänglich. Der Dreh folgte prompt. Unmittelbar danach wurde mir klar, dass der Schnitt zum Film nicht ohne meinen Text erfolgen könnte. Die Geschichte müsste sich über die Abfolge der gedrehten Szenen entwickeln. Gewissermaßen ein nachträgliches Drehbuch zum Atelierbesuch bei Fabio Borquez. Nicht verzichten konnte ich allerdings auf die für meinen Blog so typische Essay-Form 😉

Drehbuch

[mit persönlichen Anmerkungen]

Szene 1 Intro

Verträumt schaue ich aus dem Fenster in Fabios Küche. Mein Blick ist auf das Hortensienbeet gerichtet. Ich denke zurück.

[Die gedanklichen Rückblenden werden durch Filmsequenzen erzählt.]

Szene 2 Anfahrt und Ankunft

Nervös begebe ich mich auf den Weg zu meinen ersten Filmdreh. Ob es möglich werden wird meinen Kunstblog, der eigentlich über die Kombination von Text und Bild funktioniert, in bewegte Bilder zu übertragen? Sozusagen eine Kunstdoku mit Unterhaltungswert zu kreieren? Definitiv eine Herausforderung! Ebenfalls eine Herausforderung ist die scheinbar unüberschaubare Vielfalt des Portfolios von Fabio Borquez. Ob es einen roten Faden gibt, der alles miteinander verbindet? Und ob sich dieser rote Faden bereits während unseres Gesprächs zu erkennen geben wird? Fragen über Fragen schießen durch meinen Kopf. Jetzt aber heißt es: Tief durchatmen, volle Konzentration, und los …!

Szene 3 Begrüßung im opulenten Entrée des Jugendstil-Hauses. Wir gehen in die Küche, die zum Wohnraum hin geöffnet ist. Fabio bereitet Kaffee zu. Ich schaue mich um.

Erster Smalltalk in der Küche …

Elke: Das Equipment der Küche vermittelt den Eindruck, dass hier gern gekocht wird?

Fabio: Ja. Absolut. Kochen ist für mich ein wesentliches Mittel Stress abzubauen. Ich bin kein Mensch, der einfach nur ruhig dasitzen kann. Immer muss ich etwas machen. Kochen hilft mir mich zu sortieren und neue Ideen sprudeln zu lassen. Währenddessen bauen sich die besten Bildideen in meinem Kopf in einer rasanten Geschwindigkeit auf.

Elke: Dann ist es ja sehr praktisch, dass der Weg zum Studio so kurz ist und du zwecks Umsetzung nur die Treppe hochflitzen musst.

Und wenn man sich hier so umschaut, wird – neben der Liebe zum Kochen – auch eine Liebe zur Architektur und zum Design erkennbar.

Impressionen des Hauses von Fabio Borquez

Fabio: Das ist richtig. Den Umbau des Hauses habe ich nach eigenen Plänen komplett selbst gemacht.Mein ursprünglicher Beruf ist der des Architekten. Die Fotografie kam erst später.

Elke: Was hat dich denn zur Fotografie geführt?

Fabio:Während meines Architekturstudiums bekam ich Stipendien für Projekte in verschiedensten Ländern. Dabei entdeckte ich meine Reiselust und Neugierde auf die Welt. Es waren dann schließlich die Reisen, die mich zur Fotografie geführt haben. Meine Kamera war immer dabei, so dass viele Fotos entstanden sind.

Beispiele von Reisefotografien; rechts unten: Fabio im Selbstportrait

Fabio: Um auch weitere Reisen finanzieren zu können, kam ich irgendwann auf die Idee, einzelne meiner Fotografien bei Verlagen einzureichen. Dank der Honorare kam ich dann später auch nach Indien, wo ein sehr entscheidendes Foto entstanden ist. Mit diesem nahm ich an einem großen Fotowettbewerb teil und gewann. Es brauchte für mich diese offizielle Anerkennung, um an mich als Fotograf glauben zu können.

Das Gewinner-Foto

Elke: Gab es in den Anfängen bereits eine besondere fotografische Orientierung? Galt dein Blick mehr der Architektur, den Menschen oder eher Stimmungen, die du einzufangen versucht hast?

Fabio: Es waren vor allem Menschen, was vermutlich mit meinem Architekturstudium im Zusammenhang steht. Proportionstheorien, wie beispielsweise die des Modulor von Le Corbusier, die den Menschen als Maß für die Architektur definiert, haben mich stark beeinflusst und bestimmten unterbewusst immer meine Bildkompositionen. Ich komponiere sehr gern Mensch und Architektur im Bild, weil ich damit das Größenverhältnis zueinander zum Ausdruck bringen oder auch einen Akzent zur Monumentalität des Gebäudes setzen kann. Für große Räumlichkeiten habe ich – nebenbei bemerkt – ein Faible. Ich könnte auch in Versaille leben [lacht].

Beispiele für Fotografien mit Mensch und Architektur

Elke: Eine gewisse Vorliebe für Opulenz und große Ausstattung zeigt sich auch häufig in deinen Fotografien. Privat magst du es aber offensichtlich lieber pur. Von Versailles eher keine Spur.

Fabio: Nein [winkt schmunzelnd ab]. Privat bin ich eher Minimalist. Ich brauche Struktur. Das betrifft meine Fotografie ebenso wie mein Leben. Ich brauche diese Ruhe als Rahmen, um meinem Temperament spontan folgen zu können. Ich bin Argentinier mit sizilianischem und sevillanischem Blut.

Elke: Oha, verstehe. Du stammst aus Buenos Aires. Bestand bei dir mit Ausnahme des Wunsches zu reisen auch die Absicht auszuwandern?

Fabio: Nein. Niemals hätte ich gedacht, weit weg von meinem Land leben zu können.

Elke: Und wie kommt man dann nach Deutschland?

Fabio: Tja, das ist eine besondere Geschichte: Ein Fotoauftrag hatte mich nach Miami geführt. Beim Strandbesuch nach getaner Arbeit entdeckte ich dort ein Mädchen. Ich sprach sie an und stellte ihr Fragen über Fragen. Nach einigen Minuten fragte sie mich leicht genervt, warum ich das machen würde. Ich antwortete: Weil ich denke, dass ich dich heiraten werde. Sie hat mich nur angeschaut und gefragt, ob ich unter Drogen stünde. Naja, was soll ich sagen. Sie hat mir eine Chance gegeben. Und jetzt bin ich hier. Seit 1998. Du darfst nicht vergessen: Ich bin lateinamerikanisch. Und ganz charmant.

[Noch während Fabio den letzten Satz ausspricht – und ehe ich es mir versehe – werde ich vor laufender Kamera zum Tanzen aufgefordert und hiermit völlig aus dem Konzept gebracht.]

Spontane Aufforderung zum Tanz

[Der folgende Szenenwechsel unterstützt zwar meinen Reset, doch drohe ich über die insgesamt häufigen Unterbrechungen immer wieder den Faden zu verlieren. Ich fühle mich an einen meiner Lieblingssketche von Loriot erinnert: „Mein Name ist Erwin Lottemann, … ich bin fünfhunderttausend Jahre alt …“ Der Ruf: „Kamera läuft, Ton läuft“ holt mich jäh zurück.]

Szene 4 Bibliothek: Annäherung an Bildinhalte und Ästhetik

Behind the scenes … (Bibliothekszene)

Elke: Wenn man sich hier dein Mobiliar in seiner räumlichen Umgebung anschaut, erkennt man eine Vorliebe für das Zeitalter des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts. Auch die Fotografie direkt hinter mir spiegelt für mich eine typische Stimmung dieser Zeit. War das so geplant oder hat der architektonische Rahmen per Zufall diese Stimmung entstehen lassen?

Fotografien in Zwanziger-Jahre-Ästhetik

Fabio: Das war so geplant. Ich liebe die klassische Epoche der 1920er Jahre, den deutschen Expressionismus und bin auch ein großer Kinoliebhaber. Die dramatischen Bildstimmungen von Metropolis waren beispielsweise für mich eine große Inspiration. Das gleiche gilt auch für Filme der 1950er Jahre im Genre des „Film noir“ und vor allem für italienische Filme.

Filmstills?

Fabio: Fellini verehre ich geradezu! Am 5. Mai 1992 habe ich ihn in Rom getroffen und mit ihm einen Kaffee getrunken … [schwärmerisch mit leuchtenden Augen]

Elke: Wouw! Du weißt sogar noch das genaue Datum? Konntest du den Kaffee trinken ohne dich zu verbrennen oder zu verschlucken?

Fabio: Es gibt davon sogar ein Foto [strahlt stolz]. Und das ist wirklich das Einzige von mir, das mich mit einem Lächeln von einem Ohr zum anderen zeigt. Ich hatte ihn nur gefragt, ob ich ein Foto mit ihm machen dürfte. Das mache ich wirklich nie! Er hat mir einen Platz angeboten und mich zum Kaffee eingeladen. Diesen Tag werde ich definitiv niemals vergessen!

Elke: Mit dem Wissen über deine Affinität für die aufgezeigten Filmgenres erinnere ich mich spontan an einzelne deiner Motive von Flores del mal, die genau diese Ästhetik spiegeln. Was hat dich eigentlich zur Idee dieser Serie geführt?

[Im Ausstellungskatalog suche ich nach Beispielen, bevor wir dann den geplanten Szenenwechsel zum Zwischengeschoss antreten. Dort befindet sich ein Leuchtkasten mit „Flores del mal“-Motiv. Nach circa acht Wiederholungen des Treppenaufgangs („Falsches Objektiv“, „Zu wenig Licht“, „Zweite Kamera im Bild“…) beantwortet Fabio die Frage, die ich vor einer gefühlten halben Stunde gestellt habe.]

Beispielfotos aus der Serie „Flores del mal“

Szene 5 Zwischengeschoss: Fragen zu „Flores del mal“

Fabio: Die Idee entwickelte sich, als ich Schnittblumen für meine Frau kaufte. Ich wurde mir plötzlich bewusst, dass diese Blumen, die doch für uns lebendige Schönheit spiegeln, schon tot sind. Ihre symbolische Bedeutung für Vergänglichkeit, für Leben und Tod wurde in diesem Moment so offenbar. Ich überlegte, wie ich diese fragile, naturale Sterblichkeit auf den Menschen übertragen und fotografisch zum Ausdruck bringen könnte. Spontan kamen mir dabei die Erzählungen über Mensch-Natur-Metamorphosen in der Mythologie und die wunderbaren Skulpturen, wie beispielsweise die der Nymphe Daphne von Lorenzo Bellini aus der Zeit der Renaissance in den Sinn.

Elke: Ist darin auch der Grund zu finden, warum die Modelle nackt posieren?

Fabio: Absolut. Jedes Stück Textil hätte das Konzept zerstört. Ich wollte die Verbindung aus Blumen und Körper Göttinnen gleich wie eine natürliche Verwachsung visualisieren.

Elke: Warum hast du dich denn dann für den Titel Flores del mal, übersetzt „Blumen des Bösen“ entschieden?

Fabio: Es gibt einen gleichnamigen Gedichtband von Charles Baudelaire, der 1857 veröffentlicht worden ist [Originaltitel: „Les Fleurs du Mal“]. Der Band hatte seinerzeit einen literarischen Skandal ausgelöst, der sogar zum Verbot der Gedichte geführt hat. Auch Baudelaires bediente sich darin der Symbolik der Verwandlung. Doch war die Art und Weise seiner Umsetzung als vulgärer Realismus angeprangert worden. Und genau dieser Mix aus Realismus und Symbolismus, der Hauch des Anrüchigen, und nicht zuletzt die poetische Referenz als solche, bildeten für mich die Grundlage diesen Titel auch für meine Fotografie-Serie zu wählen.

Elke: Also bist du wieder deinem Hang zur dramatischen Inszenierung gefolgt. Deshalb die harten Hell-Dunkel-Kontraste, starken Schatten und die insgesamt mystische Anmutung?

Fabio: Ganz genau. Das gehörte zum Konzept.

 

Elke [Voice-over]: So langsam gibt sich der rote Faden zu erkennen. Könnte man den Begriff des „Film noir“ nicht vielleicht im Sinne von Film-Stills auf die Fotografie übertragen? Hiermit ließe sich der Stil der Bilder von Fabio Borquez in Worte fassen. Seine Figuren inszeniert er oft mit einer gewissen Frivolität, in düsterer Stimmung, scheinbar gefangen in urbanen Stadträumen oder inmitten surreal anmutender Natur. All das sind typische Merkmale des „Film noir“.

[Die Ankunft von Kristine, der langjährigen Visagistin von Fabio unterbricht mein Gedankenspiel und bestimmt den nächsten Szenenwechsel. Um ihn live bei der Arbeit erleben und hiermit gleichzeitig ein besonderes Coverfoto für meinen Blog kreieren zu können, war bereits im Vorfeld die Idee entstanden, mich als Modell für ein weiteres Motiv der Serie „Flores des Mal“ zu inszenieren. Jetzt geht es also los. Ich werde mich in ein menschliches Hortensiengewächs verwandeln.]

Szene 6 Esszimmer: Coverfoto-Styling

Styling und Shooting

Szene 7 Studio: Shooting

[Halbnackt vor dem gesamten Team im gnadenlosen Studiolicht zu posieren, ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung, um locker in die Kamera zu schauen. Erstmals bin ich deshalb unermesslich erleichtert, als endlich das ersehnte „Cut“ ertönt.]

Verschiedene Ergebnisse des Shootings

Epilog

Was für ein Tag! Und was für eine Flut an Bildmaterial! Am Abend erscheint es mir noch völlig unmöglich, dass aus diesem Durcheinander ein Film entstehen könnte. Doch haben mich die bisher gesichteten Rohschnitte mehr als positiv überrascht. Hier ist tatsächlich ein Filmliebhaber am Werk, der mit bewegten Bildern seine eigene Geschichte und damit auch die seiner Fotografie erzählt. Eine Independent-Kunstdoku vor dem Hintergrund einer „Fotografie noir“.

Wahrhaftig ein Experiment. Ihr dürft gespannt sein!

Weitere Informationen

Website Fabio Borquez:

https://fabio-borquez.com

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