Gisela Clement

Gisela Clement und Elke Backes vor einer Arbeit von Sabrina Jung

MARTIN PFEIFLE X ODEEH – Ein Event. Und eine Galeristin zwischen Kunst, Mode, Architektur und Design.

Text: Dr. Elke Backes, Fotos: Rheinproduktiv

Das Event MARTIN PFEIFLE X ODEEH in der Galerie Gisela Clement in Bonn hat eindrucksvoll bewiesen, wie Kunst, Mode, Architektur und Design zusammenspielen und sich gegenseitig inspirieren können. Doch waren es nicht nur die Akteure selbst, die diese Botschaft transportierten, sondern vor allem die Impuls- und Gastgeberin dieser Kooperation – Gisela Clement.

Eine Gelegenheit, das Event einmal im Zusammenhang mit ihrer Person und Galeriearbeit vorzustellen.

Soviel ist klar: Sie ist offensichtlich an allem gleichermaßen interessiert. Ihr lässig eleganter Stil lässt ihren gekonnten Umgang und Spaß an der Mode erkennen; ihre mit Sorgfalt und visionärem Blick ausgewählte Kunst präsentiert sie in einer außergewöhnlichen Architektur; das Interieur aus Designklassikern harmoniert in Perfektion zur jeweiligen Raumfunktion.

GALERIEHAUS, Galerie Gisela Clement, Uwe Schröder Architekt, Fotos unten links u. rechts.: Stefan Müller.

Dass sich dieses ganzheitliche Interesse irgendwann einmal in einem Ausstellungsformat wiederfinden musste, scheint zwangsläufig. Doch wird während unseres Gesprächs deutlich, dass es innerhalb dieses Gedankens vor allem ihr Interesse an interdisziplinären Projekten ist, dass nicht nur den Impuls zum Event angestoßen, sondern überhaupt erst zur Gründung der Galerie geführt hat.

Ursprünglich war nämlich ein anderer Weg für sie vorgesehen …

Clement: Mein Großvater war Architekt mit eigener Immobilienfirma. Nach seinem Wunsch sollte ich Betriebswirtschaft studieren, entschied mich aber kämpferisch für das Jurastudium, erzählt sie mit einem ironischen Unterton und begleitet von einem Lacher.

Nach einer kurzen Phase als Rechtsanwältin und der Geburt von zwei Töchtern gelang es meinem Großvater aber doch, mich davon zu überzeugen, dass sich Kinder und Beruf im Familienunternehmen gut miteinander verbinden lassen.

E.B.: Warst du in dieser Zeit schon kunstinteressiert?

Clement: Kunst war immer ein wichtiges Thema in unserer Familie. Schon mein Großvater war kunstaffin, hat auch gemalt. Ich selbst sammelte Arbeiten auf Papier, verstärkt Zeichnungen; mein Interesse galt von Beginn an konzeptueller und feministischer Kunst. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer und junger Kunst wurde noch einmal intensiviert, als meine Tochter Louisa Clement ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf fortsetzte. Der Austausch mit ihr ist für mich extrem wichtig.

E.B.:  Und was führte schließlich zur Gründung der Galerie?

Clement: Das hat sich irgendwie als unabsehbarer Selbstläufer entwickelt. Bedingt durch meine Kontakte zur Kunstszene, insbesondere auch durch meine langjährige Vorstandstätigkeit im Bonner Kunstverein und die Erkenntnis, dass Künstler*innen – neben ihrem Atelier – auch weitere Orte zur künstlerischen Auseinandersetzung brauchen, kamen mein Bruder, der Architekt Uwe Schröder und ich vor 15 Jahren auf die Idee, die Bestandsbauten aus den 1950er-Jahren für einen solchen Zweck zu nutzen. Temporär habe ich dort deshalb Leerstände geschaffen und Künstler*innen eingeladen, diese Räume, aber auch Treppenhäuser oder Höfe und Gartenanlagen in unterschiedlichsten Projektreihen zu bespielen.

Zu unserer großen Freude wurden die Projekte von den Bewohnern der Häuser schon sehr bald begeistert angenommen. Schließlich kamen Künstler*innen mit der Idee auf mich zu, auch ihre autonomen Arbeiten in einem Off-Space zu zeigen und diesen später als Verkaufsplattform für ihre Arbeiten zu nutzen.

In der alten Villa, die sich hier auf dem Grundstück befindet, verkaufte ich dann also Kunst. Das alles aber nicht professionell, sondern in einem mäzenatischen Rahmen.

Erst über die Immobilienentwicklung des gesamten Areals, das früher zu einer Nervenheilanstalt gehörte, kam der Gedanke auf, an dieser Stelle ein Galeriehaus zu erbauen. Das historische Gebäude war leider nicht sanierungsfähig und musste deshalb abgerissen werden. Nach den Entwürfen meines Bruders entstand dann dieses Haus.

E.B.: In einer sehr besonderen Architektur, die sich über drei Ebenen mit unterschiedlichen Funktionsbereichen entwickelt und beim Event der jeweiligen Ausrichtung entsprechend bespielt wurde?

Clement: Das ist eine der zentralen Ideen der Architektur. In diesem Fall entwickelte sich inhaltlich alles vom Projektraum im Erdgeschoss. Während die oberen Räume der Galerie in der Regel durch die Künstler*innen unseres Programms bespielt werden, zeigen wir im Projektraum gern experimentelle und interdisziplinäre Projekte. So hat Martin Pfeifle hier eine raumgreifende Arbeit aufgebaut, die das Fashion-Label ODEEH zur Kreation einer eigenen Kollektion inspiriert hat.

Projektraum: Rauminstallation Martin Pfeifle, Puppe und Kleidung ODEEH

E.B.: Wie kam das denn zustande?

Clement: Meine Freundinnen Elisabeth Holtorf und Ihre Tochter Verena Thiemann, Inhaberinnen des Fashion-Stores Les Jumelles, sind sehr kunstbegeistert und begleiten unser Galerieprogramm mit großem Interesse. Die Idee, Kunst und Mode in einem gemeinsamen Projekt zusammen zu bringen, lag nahe. Ich dachte sofort, dass die Werke von Martin Pfeifle für die Designer des Labels ODEEH interessant sein könnten, da sie häufig mit grafischen Mustern arbeiten.

E.B.: Im Projektraum gab es dann zusätzlich noch eine Performance zu sehen. Wer kam auf die Idee, Daniela Georgieva in das Projekt einzubeziehen?

Performance von Daniela Georgieva in der Rauminstallation von Martin Pfeifle

Clement: Das war Martin. Für ihn war es interessant, neben der Wahrnehmung des Raumes in seiner Fläche und Dreidimensionalität auch noch den Aspekt der Bewegung  einzubeziehen. Eine wunderbare Erweiterung seiner Arbeit, die über die Performance von Daniela für die Besucher eindrucksvoll erlebbar wurde.

E.B.: Nur vom Projektraum ausgehend haben wir bis zu dieser Stelle schon vier Teilnehmer herausgestellt. Les Jumelles waren aber auch im Kabinett, das sich auf halbem Weg zum Untergeschoss befindet, mit einem Pop-up-Store präsent, der eine Auswahl der Herbst-/Winterkollektion von ODEEH zeigte. War dieser Raum auch im Sinne der Raumnutzung des Galeriehauses gewählt?

Clement: Absolut, weil das Kabinett, wie auch das Untergeschoss selbst für den interdisziplinären Austausch vorgesehen sind. Anfänglich war dort eine Kinderkunstschule untergebracht; aktuell dient es Prof. em. Anne-Marie Bonnet [Kunsthistorisches Institut der Universität Bonn] unter dem Namen sAlonMBo als Raum für den kunsthistorischen Diskurs. Anlässlich des Events war es nun die Mode, die Einzug hielt.

Im Kabinett zum Untergeschoss: Pop-up-Store von Les Jumelles (Auswahl Herbst-/Winterkollektion ODEEH)

E.B: Kunst, Mode. Jetzt fehlt nur noch Design.

Clement: Stimmt. Das fand sich im Innenhof. Für die Art Direktorin und Grafikdesignerin Adeline Morlon hatten wir dort einen zweiten Pop-up-Store zur Präsentation ihrer Kataloge und Designobjekte, die über ihr Projekt Adeline and the Artists entstanden sind, installiert. Dekoriert wurde der gesamte Bereich von Florin Smalbergher [Wintergarten Südstadt Florist].

Im Innenhof: Pop-up-Store der Grafikdesignerin Adeline Morlon und Floristik von Florin Smalbergher (Wintergarten Südstadt Florist)

Clement: Design findet sich aber auch dauerhaft in unserem Accrochage-Raum im Erdgeschoss. Zum Beispiel integrieren wir dort Sitzmöbel von Martin Pfeifle, um in einer Wohnatmosphäre unterschiedliche Arbeiten unseres Galerieprogramms in Kombination zueinander zeigen zu können. Er ist eine Art Salesroom, der es uns ermöglicht, in den oberen Galerieräumen sehr großzügig mit der Fläche umzugehen und somit radikale Ausstellungen realisieren zu können – wie aktuell erlebbar durch die Ausstellung Rethinking Now von Sabrina Jung.

Accrochage-Raum: Wechselnde Präsentationen verschiedenster künstlerischer Positionen des Galerieprogramms

E.B.: Die Ausstellung von Sabrina war am Abend als Preview zu sehen. Inwiefern hat sie das Thema des Events aufgegriffen?

Clement: Bei ihrer Ausstellung handelt sich um Arbeiten, die unter anderem die Selbstinszenierung im Portrait und hiermit die Identitätssuche aus verschiedenen Perspektiven künstlerisch befragen. Ein Thema, das auch eines der zentralsten im Zusammenhang mit Mode darstellt.

Links: Sabrina Jung, Queers, Lulu, 2021, 12-Farb Pigmentdruck, Collage, 70 x 45 cm, Mitte und rechts: Installationsansichten von Sabrina Jung Rethinking Now, 2021, Galerie Gisela Clement

E.B.: Alles in allem ein inspirierendes Projekt interdisziplinärer Zusammenarbeit, das einen umfassenden Einblick in deine Galeriearbeit vermittelt, aber vor allem auch deine offensichtliche Experimentierfreude zum Ausdruck gebracht hat. Wurde hiermit der Wandel von der traditionellen Galerie zur Event-Galerie begründet?

Clement: Nein, weil  interdisziplinäre Projekte und interdisziplinäres Arbeiten schon immer Teil  unseres Programms sind. Wir laden regelmäßig Vertreter*innen verschiedener wissenschaftlicher Fachbereiche, beispielsweise aus Philosophie, Theologie oder Architektur ein, um offene Diskurse zu führen und die Kunst mit unseren Sammler*innen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Das geschieht unter anderem  über Formate wie Lesungen, Performances und musikalische Interventionen. Doch steht hierbei  für uns weniger der Event-Charakter, sondern vielmehr die Öffnung neuer Perspektiven, und damit ja die traditionelle Vermittlungsarbeit im Mittelpunkt.

Mit einem Projekt wie diesem, das neue Partner miteinbezogen hat, konnten wir das Haus letztlich thematisch breiter öffnen. Es lässt sich aber natürlich nicht abstreiten, dass wir über die Art und Weise der Ausrichtung auch ein Marketinginstrument unserer Zeit genutzt haben, das ebenso wie die sozialen Netzwerke eine Marke ausbildet. Das gehört heute einfach dazu.  

An die scheinbar unverzichtbare Selbstinszenierung muss ich mich wohl noch gewöhnen. Aber ich arbeite an meinen Social-Media-Skills [lacht].

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