Louisa Clement

Lässt sich reale Leere digital füllen?

Atelierfotos: Natascha Romboy

Bonn. Lässt sich reale Leere digital füllen? Wie verändern sich zwischenmenschliche Beziehungen im Zeitalter der Digitalisierung? Fragen, mit denen sich Louisa Clement künstlerisch auseinandersetzt und die mir seit meinem Besuch bei ihr keine Ruhe mehr lassen. Immer stärker realisiere ich die Macht der digitalen Kommunikation, die uns vor allem jetzt – unter den Bedingungen der Pandemie – den scheinbaren Kontakt zur Außenwelt erhält. Das so populär gewordene: „Your Likes made my day“ hat für mich einen beängstigenden Beigeschmack bekommen …

Erstmals aufgefallen waren mir Clements Arbeiten in der Gruppenausstellung SAD BOT TRUE in der Galerie Kunst & Denker in Düsseldorf. Die clean und futuristisch anmutende Ästhetik ihrer Fotografien und Skulpturen hatte mich unmittelbar magisch angezogen und gleichzeitig eine Art emotionale Beklemmung ausgelöst. In unserem Gespräch möchte ich herausfinden warum.

v.l.n.r. Motive aus der Serie Avatar (2016), Gliedermensch (2017), fracture (2016)

Wir treffen uns in ihrer wunderschönen Altbauwohnung. Die stimmungsvoll gedeckte Kaffeetafel vor dem bis zur Decke reichenden, prallvoll mit Literatur gefüllten Bücherregal, unterstreicht das Ambiente und lädt ein zu einem ersten Smalltalk. Wir sprechen über ihre familiär geprägte Kunstbegeisterung und ihr Studium.

Erster Smalltalk …

E.B.: Du wohnst direkt neben der Galerie deiner Mutter [Gisela Clement]. Es lässt sich vermuten, dass du früh mit Kunst in Berührung gekommen bist?

Clement: Ja. Das ist richtig. Mein Onkel ist Architekt, mein Vater schreibt, meine Mutter hat seit zehn Jahren die Galerie, Museums- und Ausstellungsbesuche gehörten zum selbstverständlichen Freizeitprogramm.

Für mich war immer klar, dass ich Kunst studieren wollte.

E.B.: Du hast mit dem Studium an der Akademie in Karlsruhe begonnen. Warum bist du von dort nach Düsseldorf zur Klasse von Andreas Gursky gewechselt?

Clement: In Karlsruhe war ich in einer Klasse mit dem Schwerpunkt Malerei. Während des Studiums stellte ich fest, dass dieses Genre nicht wirklich meins war. Andreas Gursky war hinsichtlich der Wahl des Mediums sehr viel offener. Hier stand der Inhalt, und wie man diesen am besten visualisieren kann, im Vordergrund. Das hat letztlich auch meine Herangehensweise an eine Bildidee geprägt.

E.B.: Und offensichtlich auch die Medienvielfalt in deinen Arbeiten bestimmt. Du bist querbeet zwischen Fotografie, Bildhauerei, Installation, Video und Virtual Reality unterwegs. Erstaunlich ist, dass dennoch immer diese besondere, eigene Bildsprache erkennbar ist, die ein bisschen an Science-Fiction erinnert. Gibt es eine erste zentrale Idee, mit der sich diese charakteristische Ästhetik ausgebildet hat?

Clement: Vielleicht eher ein zentrales Themenfeld. Schon in Akademiezeiten wurde mir die Veränderung unserer Kommunikation sehr stark bewusst. Hiermit meine ich nicht allein die Tatsache, dass diese immer digitaler wird, sondern wie unterschiedlich wir in der digitalen gegenüber der realen Welt interagieren.

Auf der einen Seite wird mittels Emojis, Likes und Kommentaren wildfremden Menschen eine spontane Emotionalität und Offenheit entgegengebracht und auf der anderen Seite in der realen Begegnung eine immer größere Distanz aufgebaut. Insbesondere in Online-Portalen sozialer Medien formen sich geradezu zweite Identitäten aus. Dieses Zwischenspiel innerhalb der Parallelwelten fand ich wahnsinnig interessant und erforsche es seitdem aus unterschiedlichen Perspektiven.

Um auf die Ästhetik zurückzukommen: Sie hat sich vermutlich darin ausgebildet, dass es immer wieder eine Bildebene zu finden gilt, die sich zwischen realer und digitaler Welt bewegt und die dann im Ergebnis vielleicht etwas Science-Fiction-Ähnliches ausstrahlt.

E.B.: Der Prozess für eine solche Bildfindung erscheint mir mehr als anspruchsvoll …

Clement: Ist er auch [lacht]. Jedem Werkzyklus geht oft bis zu einem halben Jahr Recherche und ohne Ende Information voraus, bis dann – meist am Punkt der Übersättigung – eine Bildidee in meinem Kopf auftaucht.

E.B.: Auf welcher Grundlage ist denn deine Idee entstanden, ausgerechnet Formen von KI-Sexpuppen in Bronze zu gießen?

Clement: Eine dieser Skulpturen liegt nebenan. Vielleicht erzähle ich einfach etwas darüber in der Life-Ansicht?

Bronze aus der Serie Mould (2020)

Wir gehen in den benachbarten Raum, der sich als eine Art Showroom entpuppt. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen soll: Bilder aus der Serie „Heads“, „Gliedermensch“, „Avatar“ und „Body“ zieren die Wandflächen, Skulpturen die Fensterbank und besagte Bronze den Boden. Deutlich zu erkennen ist die rückseitige, wie durchgeschnittene Hälfte einer weiblichen Körperform ohne Kopf, die in einer Gussmulde wie ein Sandabdruck eingegossen ist. Als wäre das nicht skurril genug, liegt ein wenig entfernt eine weitere, viel kleinere Skulptur. Es ist die Gussform eines Babykörpers …

Im Showroom …

Clement: [folgt meinem Blick] Ja. Ich weiß. Ist gruselig. Die Recherche hierzu hat mich auch extrem emotional aufgewühlt. Im Zusammenhang mit meinen Fragestellungen im Bereich der durch den technischen Fortschritt hervorgerufenen Veränderungen von Kommunikation und Interaktion, stieß ich unwillkürlich irgendwann auch auf die großen Themen Mensch-Maschine, künstliche Intelligenz und Entkörperlichung im Sinne futuristischer Theorien. Da kommt man schnell auf Objekt-Fetisch und Sexpuppen.

Letztes Jahr war ich in Amerika – nach Asien der zweitgrößte Absatzmarkt. In Los Angeles hörte ich von Menschen, die mit Puppen als Partner leben oder Reborn-Babypuppen als Kind-Ersatz mit sich herumtragen. Diese Menschen leben oft weit voneinander entfernt, sind wahnsinnig isoliert und haben kaum die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen. Fast wie in einem Dauer-Lockdown. Das brachte mich auf die Idee zu dieser Arbeit. Zurück in Deutschland nahm ich Kontakt zu verschiedenen Personen auf, die in einer solchen Situation leben. Ihre Einsamkeit war extrem spürbar.

Während Louisas Erklärung starre ich gebannt auf die Skulpturen. In der Schwere der Bronzen sehe ich jetzt die Schwere der Einsamkeit; in der Hülle Oberflächlichkeit und Entkörperlichung; in der Positiv-Negativ-Abformung die Utopie und Dystopie des technischen Fortschritts.

In unmittelbarer Umgebung der Skulpturen sind Fotoarbeiten aus der Serie „Body“ platziert. Im ersten Augenblick erscheinen sie wie großformatige Negative. Verschiedene, nahezu lebensgroße Rückenakte in unterschiedlicher Körperhaltung. In der näheren Betrachtung wird schnell deutlich, dass hier keine „echten“ Menschen Modell gestanden haben können. Ich frage nach.

Mitte und rechts: Motive aus der Serie Body (2019)

Clement: Das ist richtig. Ausgangspunkt waren wieder die Gussformen der KI-Puppen, die ich in diesem Fall fotografiert habe. Durch die Anwendung verschiedenster digitaler Filter hat sich der Körper, der in der Skulptur als Leerstelle zu sehen ist, in der Fotografie irgendwann als Volumen ausgebildet. Ein technisches Wechselspiel, mit dem sich meine Frage, ob reale Leere digital gefüllt werden kann, buchstäblich bildhaft ausformte.

E.B.: Fotografierst du analog oder digital? Die Bildsprache erinnert mich oft an die klassische Moderne. Eine Art Mischung aus Surrealismus und Futurismus …

v.l.n.r.: Louisa Clement, Motive aus der Serie heads (2014 – 2015), on one’s way (2013), Gliedermensch (2017)

Clement: Das bleibt nicht aus. In meinen Recherchen greife ich auch zurück auf die Literatur und Kunst, die sich mit Beginn der industriellen Revolution mit den Auswirkungen des technischen Fortschritts auf den Menschen beschäftigt hat. Um den zeitgenössischen Bezug herzustellen, habe ich mich unter anderem dazu entschieden, nicht mit der Kamera, sondern mit dem Handy zu fotografieren. Das Handy hat als Massenmedium unserer Zeit maßgeblich unsere Kommunikation verändert. Entsprechend finden sich meine Inhalte über dessen Anwendung auch technisch transportiert.

E.B.: Apropos Kommunikation. Hier ist eines deiner „Avatar“-Motive zu sehen. Wieder sind es menschlich anmutende Erscheinungen, die hier aber in verschiedenster Form zueinander arrangiert sind und in Beziehung zueinander zu stehen scheinen. Die glatten, grellbunten Oberflächen strahlen einerseits perfekte Schönheit, andererseits Künstlichkeit und auch eine Art von Verlorenheit aus. Eine fehlende Kommunikation?

Motive aus der Serie Avatar (2016)

Clement: Eher die Frage nach Intimität im virtuellen Raum oder die Verbildlichung der Frage: „Wie stehen wir zueinander, wenn wir doch gar keinen Raum haben.“

E.B.: Wie bereits bei „Heads“ sind auch in dieser Serie wieder Schaufensterpuppen die Protagonisten. Warum?

Clement: Sie sind für mich ein ideales Sinnbild für Normierung. Insbesondere in der digitalen Welt geht es immer mehr um Angleichung. Individualität verliert sich, weil es an echter Reaktion von außen fehlt. Die anthropomorphe Erscheinung der Schaufensterpuppen evoziert die Vorstellung des perfekten neuen Menschen und gleichzeitig dessen Künstlichkeit.

E.B.: Stichwort Künstlichkeit. Ist deine Kunst nicht prädestiniert für einen VR-Ausstellungsbesuch?

Clement: Nein. Funktioniert für mich absolut nicht. Bei der virtuellen Betrachtung fehlt die sinnliche Dimension. Kunst und Menschen funktionieren genau gleich. Es braucht den Live-Dialog.

Wie wahr! Es braucht den Dialog, der mir gerade beim Schreiben dieses Beitrages extrem fehlt. Die Auseinandersetzung mit der Kunst von Louisa Clement wühlt auf. Kein einziger Themenbereich, der mich nicht persönlich anfasst: In welcher Wirklichkeit leben wir? Verändert sich gerade die gesamte Menschheit oder ist sie gar auf dem besten Weg, sich zu verlieren? Zu verlieren in der digitalen Welt? Fragen, über die es zu diskutieren gilt. Life! Und unbedingt im realen Austausch mit anderen.

Ihr Ausstellungskalender für 2021 ist gefüllt. Bestätigt ist derzeit die Ausstellung „Double Bind“ in der Kunsthalle Gießen (s. Link). Haltet die Termine im Blick! … #staytuned ,)

Weitere Informationen

Website der Künstlerin: http://www.louisa-clement.de

Upcoming Exhibition: Kunsthalle Gießen 30.4.–11.7.2021: kunsthalle-giessen.html

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