Manuela Knaut

Die Schönheit des Übersehenen

Auch als Podcast (s. Weblinks)

Fotos: Natascha Romboy

Braunschweig. Yes! Genauso habe ich es mir hier vorgestellt, denke ich beim Betreten des Ateliers von Manuela Karin Knaut. Ein Crossover aus Farbeimern, Farbtuben, Sprühflaschen, Ölkreide, Holzlatten, Leinwänden, Fotografien, Papierrollen, Folien, undefinierbarem Krimskrams und natürlich Farbsprenkeln, wo immer man hinsieht, spiegeln das Explosive ihrer Arbeiten in absolut jedem Winkel des Raumes. Hier wird gemischt, gerührt, übereinander geschichtet und mit Materialien experimentiert was das Zeug hält.

Atelieransichten

Knaut zählt zu den erfolgreichsten Künstlerinnen innerhalb des sich immer stärker behauptenden Online-Kunstmarktes. Ihre Werke, die mittlerweile auf nahezu jedem Kontinent verkauft werden, lassen ebenso Elemente der Streetart wie des Objet trouvé (gefundene Gegenstände, die zur Kunst erklärt werden) erkennen. Doch kategorisieren lassen sie sich nicht. Es ist sogar eher ein offensives „Sich-nicht-einordnen-lassen-wollen“, das alle ihre Arbeiten ausstrahlen und was es für mich wieder einmal spannend macht herauszufinden, ob und inwiefern sich darin vielleicht auch die Persönlichkeit der Künstlerin zu erkennen geben wird …

links: Safe Travels (2019), rechts: Bohemian Exiles of LA (2020)

Licht- und Toninstallation The old ladies (2014)

„Der aktuelle Zustand des Ateliers ist so semi-aufgeräumt. Üblicherweise gleicht die Bewegung hier mehr einem Hindernislauf“, verrät sie lachend, nachdem ich es geschafft habe, ein farbklecksfreies Plätzchen für meine Utensilien zu finden. Meine erste Frage liegt auf der Hand:

E.B.: Hättest du gern mehr Platz?

Knaut: Das wäre natürlich schön. Vor allem um großformatiger arbeiten zu können. Das Atelier war eigentlich nur als Übergangslösung nach meinem Studium in Johannesburg geplant – als Lager für die vielen Dinge, die ich mitgebracht habe. Aber irgendwann habe ich erkannt, dass mir der Ort mit seiner Innenstadtnähe und gleichzeitiger Ruhe sehr gute Arbeitsbedingungen schafft und ich die einzelnen Räume meinem Arbeitsprozess entsprechend einrichten und nutzen konnte.

E.B.: Gibt es tatsächlich einen immer wiederkehrenden Arbeitsprozess? Deine Werke lassen eher einen spontanen und daher unstrukturierten Entwicklungsprozess vermuten.

Knaut: Dem ist auch so. Doch arbeite ich immer parallel an verschiedenen Werken oder Zyklen in unterschiedlichen Techniken. Deshalb wird hier vorne gemalt und im nächsten Raum gedruckt oder bildhauerisch agiert. Bis eine Arbeit letztlich fertiggestellt ist, wird sie auch immer mal wieder für eine Zeit weggestellt, bevor ich daran weiterarbeite. Deshalb brauche ich auch unterschiedliche Lagerflächen. Wir gehen am besten einfach einmal zusammen durch.

Gesagt, getan. Es geht in den nächsten Raum. Unter prall gefüllten Körben und Kisten sowie gerollten Leinwänden ist tatsächlich auch eine Druckerpresse zu erkennen. Ein Käfig-ähnliches Trockenregal für Druckwerke fungiert als Lagerfläche für Papierarbeiten, versandfertige Werke warten auf ihre Abholung, ‚zwischengeparkte‘ und skulpturale Arbeiten auf ihre weitere Bearbeitung. Eine Siebdruckstation ist auch noch zu entdecken. In einem Zustand der Orientierungslosigkeit warte ich gespannt auf die Erläuterungen.

Druck- und Bildhauerei-Werkstatt des Ateliers

Knaut: Ich bin eine unorthodoxe Malerin wie unorthodoxe Druckerin. Bei mir kommt ALLES unter die Druckerpresse und das auf ALLE möglichen Untergründen. Ebenso wie für meine Gemälde gilt auch für meine Drucke, dass ein Werk immer durch Überlagerungen entsteht. Beim Siebdruck wird beispielsweise ein Bild zunächst auf irgendein Material gedruckt, dann noch etwas darüber geklebt, aufgenäht, montiert oder was auch immer. Sowohl im bildnerischen als auch im skulpturalen Werk arbeite ich immer in vielen Schichten.

Hier sehen wir eine Arbeit, die ganz viele meiner Techniken vereint. Gefundene Materialien, insbesondere solche, die mit einer Geschichte verbunden sind, spielen immer eine wesentliche Rolle. In diesem Fall bildete ein altes Styroporboard, das in meinem ehemaligen Atelier in Johannesburg herumlag, die Basis. Weil es mich so sehr an die Straßen dort erinnert hatte, wollte ich genau dieses und nicht etwa ein Neues verwenden. Dann fiel mir eine in unmittelbarer Nähe meines Ateliers entstandene Fotografie in die Hände. In einer Kombination aus Malerei und Siebdrucktechnik habe ich diese dann mehrfach überlagert, alle Elemente in einer Art Assemblage miteinander verbunden und schließlich in diese edle Rahmung eingefasst. Das Gesamtensemble spiegelt für mich ganz wunderbar den Blick hinter die schöne Kulisse.

Erläuterungen zu Materialien und Techniken

E.B.: Woher kommt deine Faszination für das Trashige?

Knaut: Es ist meine Faszination für das wahre Leben. Ich lasse mich ungern blenden, schaue gern im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Fassaden und lasse mich eher von Dingen faszinieren, die nicht auf den ersten Blick ansprechend sind. Schon als Kind und später auf meinen Reisen hat es mich immer gereizt vom Wegesrand ab und auf Entdeckungstour zu gehen.

E.B.: Hast du dich deshalb entschieden dein Studium der „Installation-art“ ausgerechnet in Johannesburg zu absolvieren?

Knaut: Die Stadt hat in der Tat einen sehr rauen Charme. Es verlangt einen gewissen Mut, sich dort gegen ein Leben in den weißen Vororten hinter hohen Mauern zu entscheiden. Ich war Mitte Vierzig und stellte mir mehrfach die Sinnesfrage, ob ich wirklich meine Komfortzone verlassen und diesen Schritt gehen sollte. Aber genau das bezeichnet mein Leben. Immer wenn es zu bequem wurde, musste etwas Neues kommen. Das Studium an diesem besonderen Ort mit seiner fachlichen Ausrichtung – unterstützt durch meine Familie vor Ort – hat mich sehr glücklich gemacht und im Rückblick betrachtet künstlerisch weit nach vorn gebracht.

Es geht weiter. Die nächste Tür wird geöffnet. Hier möchte ich mich gern bedienen dürfen. In Reih und Glied füllen fertiggestellte Werke die Regale und die Bodenflächen. Ein Durchkommen ist kaum möglich – aber notwendig! Denn es gibt noch einen weiteren, sehr besonderen Raum, der dahinter verborgen ist, …

Gemälde-Lager

Knaut: Hier sind die Bestandteile früherer Installationen oder auch bildhauerische Arbeiten gelagert. Dort oben ist beispielsweise ein Kronleuchter aus dem legendären Alhambra Theatre in Johannesburg zu sehen, daneben vierzig Lampen, die Teil meiner Soundinstallation Old ladies (s. Foto oben) waren oder dort drüben Elemente einer Installation in Frankreich. Insgesamt finden sich hier alle möglichen Dingen, die eine besondere Geschichte in sich tragen oder Materialien, die ich zum Neubau von Installationen brauche oder gebrauchen könnte. Ich kann mich einfach von nichts trennen; möchte mit den Dingen oder auch mit meinen Fotografien möglichst alle Momente und vor allem Stimmungen festhalten.

Installations-Lager

E.B.: Sind es diese Stimmungen, die du in deine Kunst einfließen lässt?

Knaut: Absolut. Ich weiß genau, wie ich mich bei welchem Bild gefühlt habe. Jedes entwickelt sich aus spontanen Momenten und der Idee etwas Neues ausprobieren zu wollen. Es ist ein ständiges Try and Error. Ich mag diesen Begriff des Glitch, dieses knapp Danebengegangene. Dann wird es für mich interessant. Es muss eine kleine Macke zu sehen sein, ein Hingucker. Das ist für mich die perfekte Basis neu anzusetzen.

Zwischenzeitlich wieder zurück im Malatelier fallen mir die bunten Besen auf, die in der Ecke stehen.

E.B.: Hast du schon eine Idee für die Verwendung der Besen?

Knaut: Selbstverständlich [lacht]. Auch ein Mitbringsel aus Südafrika. Ich nutze sie als Pinsel, was ich auch mit vielen anderen Alltagsgegenständen wie beispielsweise Schaumstoffmatratzen mache. Ich schneide sie auseinander, baue daraus Pinsel und schaffe hiermit wunderbare Strukturen auf der Leinwand. Ebenso unkonventionell handhabe ich es auch mit meinen Farben. Ich nutze Speiseöl, ausrangierte Farben von Baustellen, Verputzelemente, Spachtelmassen, Tiefgrund – einfach alles.

Straßenbesen als Pinsel, Farben-„Mischpult“

E.B.: Wie sieht dein Harmonieanspruch aus?

Knaut: Den klassischen Harmoniegedanken der Malerei lasse ich bewusst außer Acht. Immer wenn es zu schön wird, kommt ein Strich hinzu oder es wird etwas durcheinander gebracht. Das lässt sich auch auf meine Art zu leben und zu denken übertragen. Die Menschen, die zu schön und zu nett sind, bei denen alles stimmt, sind nicht diejenigen, die mich interessieren. Also: Wo zieht es mich hin oder anders gefragt: Wohin will ich? Nicht in die schönsten Hotels, an die schönsten Strände, in die erste Reihe. Im Grunde suche ich etwas anderes …

Wie war das mit dem „Sich-nicht-einordnen-lassen-wollen“, frage ich mich abschließend noch einmal. Auch wenn ihre Werke Elemente bekannter Kunststile erkennen lassen, ist es doch vor allem Knaut selbst, die zum Spiegel ihrer eigenen und hiermit sehr individuellen Kunst wird …

 

P.S.: Die Idee, meine als Reiseproviant vorgesehenen Hähnchenschenkel als Accessoire für das Coverfoto einzusetzen entstand unmittelbar, als ich meine gelbe Jacke anzog. Von wem die Idee stammte, ist vermutlich unnötig zu erwähnen?

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